Wiedervernässung von Mooren – Klimaschutz zwischen Natur, Nutzung und Systemgrenzen
Moore speichern enorme Mengen Kohlenstoff. Werden sie entwässert, kehrt sich diese Wirkung um: Der im Torf gebundene Kohlenstoff gelangt als CO₂ in die Atmosphäre. Deshalb gilt die Wiedervernässung von Mooren als eine der wirksamsten Maßnahmen im naturbasierten Klimaschutz.
Doch so klar die ökologische Logik ist, so komplex ist die Umsetzung. Denn Moorflächen sind Eigentum, werden landwirtschaftlich genutzt und sind Teil größerer Wasser- und Landschaftssysteme. Wiedervernässung bedeutet deshalb nicht nur Naturschutz, sondern auch Veränderung von Nutzung, Förderung, Planung und regionaler Wertschöpfung.
Dieser Hintergrundartikel vertieft zentrale Fragen aus einem Fachgespräch mit der Moorforscherin und OEKOGENO-Aufsichtsratsvorsitzender Anke Nordt.
Warum Moore für den Klimaschutz so wichtig sind
Moore gehören zu den effektivsten natürlichen Kohlenstoffspeichern der Erde – und gleichzeitig zu den am stärksten zerstörten Ökosystemen in Mitteleuropa. In Deutschland sind die meisten Moorflächen entwässert und werden land- oder forstwirtschaftlich genutzt.
Das Paradox ist bekannt: Wissenschaftlich gilt die Wiedervernässung als eine der wirksamsten Klimaschutzmaßnahmen im Landnutzungsbereich. Praktisch aber bleibt ihre Umsetzung komplex, konfliktbehaftet und langsam.
Wiedervernässung: kein technischer Eingriff, sondern Systemumbau
Wiedervernässung bedeutet nicht einfach, Wasser „zurückzubringen“. Es geht um die Wiederherstellung eines hydrologischen Zustands, in dem Wasser in der Landschaft gehalten wird.
Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Fläche als das Gesamtsystem: Wasser bewegt sich über Einzugsgebiete, nicht über Grundstücksgrenzen.
Das macht Wiedervernässung zu einer Maßnahme, die gleichzeitig ökologisch, hydrologisch, rechtlich und sozial gedacht werden muss.
Warum die Wiedervernässung so schwierig ist
1. Eigentum und Nutzung
Moorflächen sind Eigentum. Ihre derzeitige landwirtschaftliche Nutzung ist ökonomisch eingebettet – und an Entwässerung gebunden.
Eine Wiedervernässung verändert diese Grundlage direkt: Sie verschiebt Produktionsmöglichkeiten und damit Einkommensstrukturen.
2. Fehlende wirtschaftliche Alternativen
Solange entwässerungsbasierte Nutzungssysteme wirtschaftlich gefördert werden, bleibt der Anreiz zur Wiedervernässung begrenzt.
Neue Nutzungsformen wie Paludikultur werden entwickelt und umgesetzt, sind aber noch nicht flächendeckend wirtschaftlich etabliert.
3. Rechtliche und institutionelle Komplexität
Wasserwirtschaft, Naturschutz, Landwirtschaft und Infrastruktur greifen ineinander. Wiedervernässung ist daher immer ein abgestimmter Prozess zwischen verschiedenen Akteuren und Zuständigkeiten.
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Interview mit Anke Nordt
Mehr zur Exkursion und zur Perspektive von Anke Nordt lesen Sie im Interview.
Paludikultur: Landwirtschaft auf nassen Moorböden
Ein zentraler Ansatz zur Lösung dieses Zielkonflikts ist die sogenannte Paludikultur.
Sie beschreibt die landwirtschaftliche Nutzung nasser Moorböden – etwa durch Pflanzen wie Schilf, Torfmoos oder Rohrkolben. Diese Biomasse kann als Rohstoff dienen, beispielsweise für Baustoffe, Dämmmaterialien, Substrate in der Erdenindustrie oder Verpackungen.
Damit wird ein entscheidender Perspektivwechsel angeregt: Klimaschutz wird nicht nur als Einschränkung bestehender Nutzung verstanden, sondern als potenzielle neue Wertschöpfungsform.
Warum Wiedervernässung Landschaften neu denkt
Ein zentrale Schwierigkeit in der Praxis der Wiedervernässung ist der Blick auf einzelne Grundstücke.
Tatsächlich funktionieren Moorlandschaften hydrologisch nur im Zusammenhang größerer Einzugsgebiete. Wird Wasser an einer Stelle zurückgehalten, wirkt sich das auf das gesamte System aus.
Das bedeutet: Wiedervernässung ist kein punktueller Eingriff, sondern ein Umbau von Landschaftslogiken.
Die Rolle der OEKOGENO-Stiftung beim Moorschutz
In diesem komplexen System übernehmen Akteure wie die OEKOGENO-Stiftung eine spezifische Rolle: Sie tragen dazu bei, die Voraussetzung für Umsetzung zu schaffen.
Durch den Ankauf von Moorflächen können entscheidende Lücken in Projektgebieten geschlossen werden. Einzelne Grundstücke können dabei eine blockierende oder ermöglichende Wirkung für ganze Wiedervernässungsareale haben.
Damit wird Flächensicherung selbst zu einem strategischen Klimaschutzinstrument – nicht als operative Umsetzung, sondern als struktureller Hebel.
Fazit: Wiedervernässung ist Klimaschutz und Transformationsaufgabe
Ein bislang noch wenig entwickelter, aber zentraler Zukunftsbereich liegt in der stofflichen Nutzung nasser Biomasse.
Paludikultur könnte künftig nicht nur zur landwirtschaftlichen Perspektive werden, sondern auch mit biobasierten Baustoffen eine Rolle in der Bau- und Materialwirtschaft spielen .
Damit verschiebt sich die Frage von „Wie verhindern wir Nutzung?“ zu „Wie gestalten wir Nutzung unter neuen klimatischen Bedingungen?“
Es zeigt sich also: Wiedervernässung ist kein isoliertes Umweltprojekt. Sie liegt im Schnittpunkt von Klimaschutz, Landwirtschaft, Eigentumsordnung und wirtschaftlicher Transformation.
Gerade deshalb bleibt sie eine der zentralen Zukunftsfragen nachhaltiger Landnutzung – mit hoher ökologischer Wirksamkeit, aber ebenso hoher gesellschaftlicher Komplexität.
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