Ein Leben für die Genossenschaft: Danke, Joerg!

Feb. 19, 2026

Joerg Weber und das genossenschaftliche Wohnen

Manchmal beginnt Veränderung ganz unspektakulär.
Mit einem Spaziergang.
Mit einem Blick auf etwas, das seit Jahren brachliegt.
Und mit dem Gedanken: Das müsste doch anders gehen.

Als Joerg Weber durch Ilbenstadt ging und die verfallenden Wirtschaftsgebäude des ehemaligen Klosters sah, war das kein romantischer Moment. Es war ein nüchterner, aber entschlossener Gedanke: Hier liegt Potenzial. Und Verantwortung. Und eine Aufgabe, die größer ist als ein einzelnes Projekt.

Heute, nur wenige Jahre später, ist genau hier ein inklusives Mehrgenerationen-Wohnprojekt und ein Beispiel für genossenschaftliches Wohnen entstanden. Mit Wohnungen für Familien, Singles, Senior:innen, Menschen mit und ohne Behinderung. Mit gemeinschaftlichem Leben, solidarischer Landwirtschaft und kulturellem Engagement. Für Joerg Weber ist das mehr als nur ein Projekt. Es ist eine Verdichtung dessen, wofür er über Jahrzehnte gearbeitet hat. „Ilbenstadt ist für Joerg eine Lebenseinstellung“, sagt Stefanie Krack, die in einer frühen Projektphase gemeinsam mit ihm nach Bewohner:innen für Wohnquartier Ilbenstadt suchte und nun das Eventmarketing der OEKOGENO eG verantwortet.

Von der Ökobank zur OEKOGENO

Joerg Weber gehört zu den Menschen, deren beruflicher Weg sich nicht entlang klassischer Karrierestufen erzählen lässt. Er folgt einer Idee. Und diese Idee heißt: gemeinschaftlich wirtschaften, um gesellschaftlich etwas zu verändern.

Bereits in den 1980er-Jahren war er Teil des Gründungsteams der Ökobank – der ersten nachhaltigen Bank in Deutschland. Eine Zeit, in der ökologische und soziale Kriterien im Finanzwesen noch die Ausnahme waren. Die Ökobank verstand sich nicht als Nischenprojekt, sondern als Gegenentwurf: Geld sollte dienen, nicht dominieren. Verantwortung sollte geteilt werden. Wirtschaft sollte langfristig gedacht sein.

Diese Haltung hat Joerg Weber geprägt – und sie hat ihn nie verlassen. „Für mich ist Joerg die lebendige Verbindung zu den Wurzeln der OEKOGENO eG – zur Ökobank und ihrem Gründungsgeist“, sagt Ingo Gerresheim, der als Projektleiter den baulichen Fortschritt von Ilbenstadt begleitet hat.

Als aus der Ökobank später die OEKOGENO eG hervorging, war für Joerg Weber klar: Die Idee lebt weiter. In anderer Form, mit anderem Fokus – aber mit derselben Grundüberzeugung. Dass Genossenschaft mehr ist als eine Rechtsform. Dass sie ein Werkzeug ist, um Räume zu schaffen für solidarisches, ökologisches und inklusives Leben zu schaffen, für genossenschaftliches Wohnen.

Ein Zeitdokument: Die Gründungsmitglieder der Ökobank

Joerg Weber als Möglichmacher

Wer mit Joerg Weber gearbeitet hat, beschreibt ihn selten über Titel oder Funktionen. Stattdessen fallen Worte wie: dranbleiben, vernetzen, ermöglichen. „Er handelt nicht nach Protokoll, sondern danach, was ein Projekt – und vor allem die Menschen darin – wirklich brauchen“, sagt Simon Stott, Inklusionsmanager und Vertriebsmitarbeiter bei der OEKOGENO eG.

Seit 2016 leitete Joerg Weber nun das Regionalbüro Frankfurt der OEKOGENO. In dieser Rolle war er nicht nur Ansprechpartner, Projektentwickler oder Koordinator. Er war Brückenbauer. Zwischen Menschen und Ideen. Zwischen Initiativen und Strukturen. Zwischen Vision und Umsetzung. „Er verstellt sich nicht und tritt Menschen auf Augenhöhe gegenüber – seine Bürger- und Mitgliedernähe ist gelebte Praxis“, beschreibt Joachim Bettinger, ehemaliger Vorstand der OEKOGENO und inzwischen OEKOGENO-Botschafter.

Und wenn es darum geht, ein Projekt wirklich voranzubringen, findet Kollege Ingo Gerresheim deutliche Worte: „Mit seiner Begeisterungsfähigkeit ist er eine echte Monsterlokomotive.“

Joerg mit OEKOGENO-Vorstand Andràs Kaiser

Ilbenstadt: Wenn Haltung ein Zuhause bekommt

Joerg Weber in seinem Element – beim Zeigen, Erklären, Lebendig-Werden-Lassen

Das Projekt „Wohnen am Klostergarten“ in Ilbenstadt ist untrennbar mit Joerg Weber verbunden. Nicht, weil er es allein umgesetzt hätte: „Ohne ihn gäbe es dieses Projekt vermutlich nicht“, sagt Ingo Gerresheim.

Über Jahre hinweg stand das Klosterareal leer. Ein Ort mit Geschichte, aber ohne Zukunftsperspektive. Joerg Weber sah darin keinen Problemfall, sondern eine Möglichkeit: für genossenschaftliches Wohnen, für generationenübergreifendes Zusammenleben, für die Verbindung von Wohnen, Landwirtschaft und Kultur.

Der Weg dorthin war alles andere als einfach. Steigende Baukosten, hohe Zinsen, gesellschaftliche und wirtschaftliche Unsicherheiten stellten das Projekt immer wieder infrage. Doch während andere Vorhaben aufgegeben wurden, wurde in Ilbenstadt weitergebaut. Nicht aus Sturheit – sondern aus Überzeugung. „Geht nicht, gibt’s nicht bei Joerg. Zur Not wird das Ziel modifiziert – aber Stillstand oder Aufgeben kommen nicht infrage“, beschreibt Ingo Gerresheim. Kollege Philipp Weber bringt es nüchtern auf den Punkt: „Sein Einsatz für die Sache geht weit über das hinaus, was ein Anstellungsvertrag verlangt.“

Heute sind 35 Wohnungen entstanden. Angrenzend ein Hektar Land, auf dem solidarische Landwirtschaft betrieben wird. Und ein lebendiges kulturelles Umfeld, getragen vom Verein Kultur im Klostergarten e. V., dessen Gründungsmitglied und Vorsitzender Joerg Weber ist. „Seine Netzwerke haben Projekte nicht nur ermöglicht, sondern ihnen Stabilität und Vertrauen gegeben.“, ergänzt Simon Stott. Ilbenstadt zeigt, was möglich wird, wenn jemand bereit ist, Verantwortung langfristig zu übernehmen. Und es zeigt zugleich, wie genossenschaftliches Wohnen soziale, ökologische und kulturelle Aspekte miteinander verbindet.

Kolleg:innen über Joerg

Netzwerke statt Zuständigkeiten

Joerg beim Besuch des (damaligen) Hessischen Wirtschaftsministers Tarek al-Wazir

Joerg Weber hat nie nur in Projekten gedacht. Sein Wirken reicht weit über einzelne Bauvorhaben hinaus. In der Region Frankfurt ist er seit Jahren ein zentraler Akteur für genossenschaftliches Wohnen, nachhaltige Landwirtschaft und zivilgesellschaftliches Engagement. „Er ist ein Netzwerker vor dem Herrn. Er bringt Menschen zusammen und teilt sein Wissen großzügig“, sagt Joachim Bettinger.

Auch seine persönliche Art bleibt in Erinnerung: „Typisch Joerg ist seine konstante Fröhlichkeit und persönliche Nähe“, sagt Simon Stott. „Er ist mehr als ein Kollege – er ist ein echter Freund.“

Kein Abschied. Ein Übergang.

Im Februar verabschiedet sich Joerg Weber offiziell in den Ruhestand. Doch wer glaubt, hier ende eine Geschichte, irrt.

Denn er zieht selbst nach Ilbenstadt. In das Projekt, das er mit angestoßen, begleitet und mitgetragen hat. Vom Initiator wird er zum Mitbewohner. Vom Möglichmacher zum Teil der Gemeinschaft.

Das ist vielleicht das Schönste an dieser Geschichte:
Dass sie nicht mit einem Punkt endet, sondern mit einem Übergang.

Was bleibt, wenn jemand geht?
Im Fall von Joerg Weber bleiben Orte.
Strukturen.
Gemeinschaften.
Und eine Überzeugung, die weiterlebt: Die Überzeugung, dass genossenschaftliches Wohnen Räume schafft, die Bestand haben.

 

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Wieso sehe ich nicht alle Inhalte?