Joerg Weber und das genossenschaftliche Wohnen
Manchmal beginnt Veränderung ganz unspektakulär.
Mit einem Spaziergang.
Mit einem Blick auf etwas, das seit Jahren brachliegt.
Und mit dem Gedanken: Das müsste doch anders gehen.
Als Joerg Weber durch Ilbenstadt ging und die verfallenden Wirtschaftsgebäude des ehemaligen Klosters sah, war das kein romantischer Moment. Es war ein nüchterner, aber entschlossener Gedanke: Hier liegt Potenzial. Und Verantwortung. Und eine Aufgabe, die größer ist als ein einzelnes Projekt.
Heute, nur wenige Jahre später, ist genau hier ein inklusives Mehrgenerationen-Wohnprojekt und ein Beispiel für genossenschaftliches Wohnen entstanden. Mit Wohnungen für Familien, Singles, Senior:innen, Menschen mit und ohne Behinderung. Mit gemeinschaftlichem Leben, solidarischer Landwirtschaft und kulturellem Engagement. Für Joerg Weber ist das mehr als nur ein Projekt. Es ist eine Verdichtung dessen, wofür er über Jahrzehnte gearbeitet hat. „Ilbenstadt ist für Joerg eine Lebenseinstellung“, sagt Stefanie Krack, die in einer frühen Projektphase gemeinsam mit ihm nach Bewohner:innen für Wohnquartier Ilbenstadt suchte und nun das Eventmarketing der OEKOGENO eG verantwortet.
Von der Ökobank zur OEKOGENO
Joerg Weber gehört zu den Menschen, deren beruflicher Weg sich nicht entlang klassischer Karrierestufen erzählen lässt. Er folgt einer Idee. Und diese Idee heißt: gemeinschaftlich wirtschaften, um gesellschaftlich etwas zu verändern.
Bereits in den 1980er-Jahren war er Teil des Gründungsteams der Ökobank – der ersten nachhaltigen Bank in Deutschland. Eine Zeit, in der ökologische und soziale Kriterien im Finanzwesen noch die Ausnahme waren. Die Ökobank verstand sich nicht als Nischenprojekt, sondern als Gegenentwurf: Geld sollte dienen, nicht dominieren. Verantwortung sollte geteilt werden. Wirtschaft sollte langfristig gedacht sein.
Diese Haltung hat Joerg Weber geprägt – und sie hat ihn nie verlassen. „Für mich ist Joerg die lebendige Verbindung zu den Wurzeln der OEKOGENO eG – zur Ökobank und ihrem Gründungsgeist“, sagt Ingo Gerresheim, der als Projektleiter den baulichen Fortschritt von Ilbenstadt begleitet hat.
Als aus der Ökobank später die OEKOGENO eG hervorging, war für Joerg Weber klar: Die Idee lebt weiter. In anderer Form, mit anderem Fokus – aber mit derselben Grundüberzeugung. Dass Genossenschaft mehr ist als eine Rechtsform. Dass sie ein Werkzeug ist, um Räume zu schaffen für solidarisches, ökologisches und inklusives Leben zu schaffen, für genossenschaftliches Wohnen.
Ein Zeitdokument: Die Gründungsmitglieder der Ökobank
Joerg Weber als Möglichmacher
Wer mit Joerg Weber gearbeitet hat, beschreibt ihn selten über Titel oder Funktionen. Stattdessen fallen Worte wie: dranbleiben, vernetzen, ermöglichen. „Er handelt nicht nach Protokoll, sondern danach, was ein Projekt – und vor allem die Menschen darin – wirklich brauchen“, sagt Simon Stott, Inklusionsmanager und Vertriebsmitarbeiter bei der OEKOGENO eG.
Seit 2016 leitete Joerg Weber nun das Regionalbüro Frankfurt der OEKOGENO. In dieser Rolle war er nicht nur Ansprechpartner, Projektentwickler oder Koordinator. Er war Brückenbauer. Zwischen Menschen und Ideen. Zwischen Initiativen und Strukturen. Zwischen Vision und Umsetzung. „Er verstellt sich nicht und tritt Menschen auf Augenhöhe gegenüber – seine Bürger- und Mitgliedernähe ist gelebte Praxis“, beschreibt Joachim Bettinger, ehemaliger Vorstand der OEKOGENO und inzwischen OEKOGENO-Botschafter.
Und wenn es darum geht, ein Projekt wirklich voranzubringen, findet Kollege Ingo Gerresheim deutliche Worte: „Mit seiner Begeisterungsfähigkeit ist er eine echte Monsterlokomotive.“
Joerg mit OEKOGENO-Vorstand Andràs Kaiser
Ilbenstadt: Wenn Haltung ein Zuhause bekommt
Joerg Weber in seinem Element – beim Zeigen, Erklären, Lebendig-Werden-Lassen
Das Projekt „Wohnen am Klostergarten“ in Ilbenstadt ist untrennbar mit Joerg Weber verbunden. Nicht, weil er es allein umgesetzt hätte: „Ohne ihn gäbe es dieses Projekt vermutlich nicht“, sagt Ingo Gerresheim.
Über Jahre hinweg stand das Klosterareal leer. Ein Ort mit Geschichte, aber ohne Zukunftsperspektive. Joerg Weber sah darin keinen Problemfall, sondern eine Möglichkeit: für genossenschaftliches Wohnen, für generationenübergreifendes Zusammenleben, für die Verbindung von Wohnen, Landwirtschaft und Kultur.
Der Weg dorthin war alles andere als einfach. Steigende Baukosten, hohe Zinsen, gesellschaftliche und wirtschaftliche Unsicherheiten stellten das Projekt immer wieder infrage. Doch während andere Vorhaben aufgegeben wurden, wurde in Ilbenstadt weitergebaut. Nicht aus Sturheit – sondern aus Überzeugung. „Geht nicht, gibt’s nicht bei Joerg. Zur Not wird das Ziel modifiziert – aber Stillstand oder Aufgeben kommen nicht infrage“, beschreibt Ingo Gerresheim. Kollege Philipp Weber bringt es nüchtern auf den Punkt: „Sein Einsatz für die Sache geht weit über das hinaus, was ein Anstellungsvertrag verlangt.“
Heute sind 35 Wohnungen entstanden. Angrenzend ein Hektar Land, auf dem solidarische Landwirtschaft betrieben wird. Und ein lebendiges kulturelles Umfeld, getragen vom Verein Kultur im Klostergarten e. V., dessen Gründungsmitglied und Vorsitzender Joerg Weber ist. „Seine Netzwerke haben Projekte nicht nur ermöglicht, sondern ihnen Stabilität und Vertrauen gegeben.“, ergänzt Simon Stott. Ilbenstadt zeigt, was möglich wird, wenn jemand bereit ist, Verantwortung langfristig zu übernehmen. Und es zeigt zugleich, wie genossenschaftliches Wohnen soziale, ökologische und kulturelle Aspekte miteinander verbindet.
Kolleg:innen über Joerg
"Joerg ist für mich Überzeugungstäter der ersten Stunde"
Steffi Krack (Vertriebskollegin) über Joerg

Joerg ist für mich ein Überzeugungstäter der ersten Stunde – mit Herzblut und Leidenschaft. Wenn er an etwas glaubt, dann richtig. Er investiert seine Lebenszeit für die gute Sache, nicht halbherzig, sondern mit voller Energie.
Er ist wahnsinnig vernetzt und umtriebig, ein echter people person. Er sucht den Austausch, diskutiert leidenschaftlich – und das auch gern. Dabei bleibt er humorvoll. (Und ja, er lacht auch artig über meine Witze. Meistens jedenfalls 😉.)
Ilbenstadt ist für ihn nicht einfach ein Projekt, sondern eine Lebenseinstellung. Er begleitet und unterstützt es seit Beginn – näher geht eigentlich nicht. Er steht für die OEKOGENO-Entscheidungen ein, auch gegenüber Interessierten und zukünftigen Bewohner:innen. Er informiert, begeistert und „zeichnet“ Bilder – im übertragenen Sinne. Man versteht nach einem Gespräch mit ihm nicht nur Fakten, sondern auch das große Ganze.
In herausfordernden Situationen bleibt Joerg lösungsorientiert und gesprächsbereit. Er hört zu, reflektiert und bleibt bei den Inhalten – nicht bei Schlagzeilen. Inhalte statt Überschriften, das passt gut zu ihm.
Typisch Joerg? Einen einzelnen Moment gibt es da nicht. Es sind viele. Besonders seine Führungen und Vorträge bleiben im Kopf: informativ, fundiert – und immer mit einer Prise Humor gewürzt. Das macht Freude.
"Für mich ist Joerg die Verbindung zu den Wurzeln der OEKOGENO"
Ingo Gerresheim (Projektleiter Ilbenstadt) über Joerg

Für mich ist Joerg die lebendige Verbindung zu den Wurzeln der OEKOGENO – zur Ökobank und ihrem Gründungsgeist. In genau diesem Geist wirkt er bis heute in die OEKOGENO hinein: unermüdlich, unkaputtbar und mit einer Ausdauer, die man nicht oft findet.
Mit seiner Begeisterungsfähigkeit ist er eine echte Monsterlokomotive – vor allem für das Wohnprojekt in Ilbenstadt. Er zieht, er schiebt, er hält Tempo. Ohne ihn gäbe es dieses Projekt vermutlich nicht.
Was seine Arbeitsweise angeht, gilt bei Joerg: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ Wenn ein Weg versperrt ist, wird das Ziel eben angepasst – aber Stillstand oder Aufgeben kommen nicht infrage. Mit seiner charmanten und positiven Art schafft er es, fast jede und jeden für ein Projekt zu gewinnen. Er spannt die Menschen nicht einfach vor seinen Karren, er überzeugt sie, dass es ihr eigener ist.
Typisch Joerg ist eine Episode rund um die notwendige Trafostation für Ilbenstadt. Über die üblichen Kanäle ließ sich der zuständige Sachbearbeiter des Energieversorgers OVAG nicht bewegen, das Projekt voranzubringen. Joerg hat daraufhin den Bürgermeister von Ilbenstadt – zugleich im Aufsichtsrat der OVAG – eingeschaltet und erreicht, dass der Vorgang beschleunigt wurde. Andernfalls stünde dort vermutlich bis heute keine Trafostation.
Solche Momente sind typisch für ihn: pragmatisch, hartnäckig, lösungsorientiert – und immer im Dienst des Projekts.
"Joerg ist ein unermuedlicher Netzwerker"
Joachim Bettinger (ehemaliger Vorstand) über Joerg

Joerg ist bodenständig und authentisch. Er verstellt sich nicht und tritt Menschen auf Augenhöhe gegenüber – ganz gleich, ob es um Mitglieder, Projektgruppen oder externe Partner geht. Seine Bürger- und Mitgliedernähe ist keine Haltung auf dem Papier, sondern gelebte Praxis.
Was ihn besonders auszeichnet, ist seine konsequente Lösungsorientierung. Probleme analysiert er klar, aber er bleibt nie im Problem stehen. Er sucht Wege – beharrlich, pragmatisch und mit dem Blick auf das Machbare.
Joerg ist zudem ein Netzwerker vor dem Herrn. Er bringt Menschen zusammen, erkennt Zusammenhänge und bleibt neugierig – auf neue Ideen, neue Impulse, neue Perspektiven. Und was er lernt, behält er nicht für sich, sondern teilt es großzügig weiter.
Nicht zuletzt ist er ein unermüdlicher Arbeiter. Wenn er sich einer Sache verschreibt, dann mit voller Energie und Ausdauer. Dieses Engagement prägt seine Projekte – und die Menschen, die mit ihm arbeiten.
"Er lebt, wofür er steht"
Simon Stott (Vertriebskollege) über Joerg

Für mich ist Joerg durch und durch Genossenschaftler. Er lebt, wofür er steht – nicht nur beruflich, sondern auch privat. Mit dem Wohnprojekt Klostergarten in Ilbenstadt hat er sein persönliches Lebensprojekt verwirklicht.
Dank seiner engen Verbindung zur Gruppe, seiner ökologischen Überzeugung und seinem tiefen Verständnis genossenschaftlicher Prinzipien verkörpert er, wofür gemeinschaftliches Wohnen stehen sollte. Er handelt nicht nach Protokoll, sondern danach, was ein Projekt – und vor allem die Menschen darin – wirklich brauchen.
Joerg ist witzig, fröhlich und nahbar. Diese Authentizität verleiht unseren Projekten Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig geht er Herausforderungen entschlossen an, übernimmt Verantwortung und bleibt auch in schwierigen Phasen lösungsorientiert. Wenn er von einer Sache überzeugt ist, gibt er nicht auf.
In Ilbenstadt hat er nicht nur ein Herzensprojekt vorangebracht, sondern darüber hinaus viel angestoßen: die Mitgründung der SOLAWI, wichtige Verbindungen zur Bürger-AG und strategische Partnerschaften – etwa zur GLS Bank. Seine Netzwerke haben Projekte nicht nur ermöglicht, sondern ihnen Stabilität und Vertrauen gegeben.
Typisch Joerg ist seine konstante Fröhlichkeit und persönliche Nähe. Er ist mehr als ein Kollege – er ist ein echter Freund. Diese Mischung aus Humor, Menschlichkeit und Überzeugungskraft prägt die Zusammenarbeit auf eine Weise, die man nicht planen kann.
"Er ist ein authentischer Überzeugungstäter"
Philipp Weber (Projektleiter) über Joerg

Für mich ist Joerg ein Gutmensch – und ich meine das im besten Sinne. Er verkörpert all die positiven Eigenschaften, die man mit diesem Wort verbindet: echtes, gelebtes Interesse an Gemeinschaft, Solidarität und einem Ausgleich zwischen Starken und Schwachen in unserer Gesellschaft. Er ist ein authentischer Überzeugungstäter – und ein Menschenfänger im positiven Sinn.
Ilbenstadt wäre ohne ihn nicht entstanden. Unser Vorzeigeprojekt trägt seine Handschrift.
Was seine Arbeitsweise angeht, beeindruckt vor allem seine Belastbarkeit. Sein Einsatz für die Sache – und für „sein“ Projekt – geht weit über das hinaus, was ein Anstellungsvertrag verlangt. Wenn er sich einer Idee verschreibt, dann ganz.
Und typisch Joerg? Seine fast schon legendären Sätze:
„Wo liegt das nochmal ab?“ oder „Ich krieg ja nix mit!“
Mit einem Augenzwinkern – und meistens mitten im Geschehen.
Netzwerke statt Zuständigkeiten
Joerg beim Besuch des (damaligen) Hessischen Wirtschaftsministers Tarek al-Wazir
Joerg Weber hat nie nur in Projekten gedacht. Sein Wirken reicht weit über einzelne Bauvorhaben hinaus. In der Region Frankfurt ist er seit Jahren ein zentraler Akteur für genossenschaftliches Wohnen, nachhaltige Landwirtschaft und zivilgesellschaftliches Engagement. „Er ist ein Netzwerker vor dem Herrn. Er bringt Menschen zusammen und teilt sein Wissen großzügig“, sagt Joachim Bettinger.
Auch seine persönliche Art bleibt in Erinnerung: „Typisch Joerg ist seine konstante Fröhlichkeit und persönliche Nähe“, sagt Simon Stott. „Er ist mehr als ein Kollege – er ist ein echter Freund.“
Kein Abschied. Ein Übergang.
Im Februar verabschiedet sich Joerg Weber offiziell in den Ruhestand. Doch wer glaubt, hier ende eine Geschichte, irrt.
Denn er zieht selbst nach Ilbenstadt. In das Projekt, das er mit angestoßen, begleitet und mitgetragen hat. Vom Initiator wird er zum Mitbewohner. Vom Möglichmacher zum Teil der Gemeinschaft.
Das ist vielleicht das Schönste an dieser Geschichte:
Dass sie nicht mit einem Punkt endet, sondern mit einem Übergang.
Was bleibt, wenn jemand geht?
Im Fall von Joerg Weber bleiben Orte.
Strukturen.
Gemeinschaften.
Und eine Überzeugung, die weiterlebt: Die Überzeugung, dass genossenschaftliches Wohnen Räume schafft, die Bestand haben.
