„Nach einer Woche waren wir zu Hause“
– Interview mit Ilbenstadt-Bewohner Marcus Reichhold über gemeinschaftliches Wohnen mit Kindern
Marcus Reichold ist mit seinen vier Kindern ins Wohnprojekt Ilbenstadt gezogen. Im Interview erzählt er, wie schnell aus einer neuen Wohnung ein Zuhause wurde – und wie Gemeinschaft im Alltag konkret spürbar wird.
Herr Reichold, Sie wohnen seit Ende Februar im Wohnprojekt Ilbenstadt. Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl: Wir sind hier angekommen?
Das hat nicht lange gedauert. Gefühlt nach einer Woche haben wir gesagt: Wir wohnen jetzt hier, wir sind angekommen. Die Kinder haben das ähnlich empfunden.
Wir waren schnell eingerichtet, auch weil viele Freund:innen beim Einzug geholfen haben. Entscheidend war aber die Unterstützung vor Ort: Am Anfang standen überall Türen offen, weil jemand einen Hammer, einen Dübel oder einen Zollstock brauchte. Einmal schrieb ich in die Signalgruppe, dass ich Hilfe oder einen speziellen Dübel brauche – und innerhalb von 120 Sekunden standen drei Leute mit Werkzeug vor meiner Tür. Da habe ich gemerkt: Es ist gut, dass wir hierhergezogen sind.
Wie leben Sie heute in Ilbenstadt?
Ich wohne in einer Vier-Zimmer-Wohnung in einem der drei Neubauten. Meine vier Kinder sind teilweise bei mir. Wenn sie da sind, teilen sich jeweils zwei Kinder ein Zimmer, die beiden Größeren und die beiden Kleineren. Ich habe mein Schlafzimmer; unsere Gemeinschaftsräume, also Küche, Wohnzimmer und Flur, sind offen gestaltet.
Wie sind Sie auf das Wohnprojekt aufmerksam geworden?
Ich hatte mich schon länger mit gemeinschaftlichem Wohnen beschäftigt und bekam über die Plattform BringTogether regelmäßig Hinweise auf neue Projekte. Oft waren die aber weit weg – Hamburg, Freiburg oder irgendwo anders, nur nicht im Rhein-Main-Gebiet.
Und dann kam plötzlich eine Nachricht: ein neues Projekt in Ilbenstadt-Niddatal. Da dachte ich: Moment mal, das ist ja hier um die Ecke. Ich habe mich direkt eingelesen und Kontakt zu Joerg Weber aufgenommen.
Eigentlich wollte ich bis zum nächsten Besichtigungstermin warten. Aber in der Nacht habe ich von dem Projekt geträumt – und davon, wie meine Kinder durch den Garten rennen. Am nächsten Morgen habe ich Joerg angerufen und gefragt, ob ich doch einen persönlichen Termin bekommen kann. Als ich das Projekt live gesehen habe, war es eigentlich entschieden.
Was hat Sie an Ilbenstadt besonders angesprochen?
Zum einen die Größe. Ein Projekt mit rund 70 Bewohner:innen ist schon etwas anderes als eine normale Nachbarschaft. Zum anderen war schnell klar, dass dort mehr entstehen soll als nur gemeinsames Wohnen.
Es ging um Garten, Gemeinschaftsräume, Stadtteiltreff, Werkstätten und Begegnungsorte. Im Gespräch mit Joerg Weber wurde deutlich, dass auch viele der Menschen, die bereits zugesagt hatten, richtig Lust auf Gemeinschaft haben. Nicht nur nebeneinander wohnen, sondern tiefer in gemeinschaftliches Wohnen eintauchen – das hat bei mir geklingelt.
Wie haben Ihre Kinder auf die Idee reagiert, nach Ilbenstadt zu ziehen?
Am Anfang waren sie zurückhaltend. Ich habe ihnen erzählt, dass Joerg angeboten hatte, ihnen das Projekt zu zeigen. Außerdem habe ich die Wohnungspläne ausgedruckt und zu Hause liegen lassen.
Irgendwann ist eines der Kinder darüber gestolpert. Nach und nach kamen alle dazu und sind richtig eingetaucht. So habe ich sie in die Wohnungsauswahl einbezogen.
Später waren wir gemeinsam vor Ort. Joerg hat mit den Kindern auf Augenhöhe gesprochen: wo ihre Zimmer sein könnten, wo der Papa sein Zimmer bekommt, wie sie sich das vorstellen. Danach waren sie hellauf begeistert.
Wie haben Sie die Zeit vor dem Einzug erlebt?
Wir haben uns in Etappen auf den Einzug zubewegt. Als klar war, welche Wohnung wir nehmen, haben wir die Zimmer geplant: Welche Möbel können mit, was brauchen wir noch, wie sollen die Kinderzimmer aussehen? Die Kinder waren stark beteiligt und haben später vieles genauso umgesetzt.
Kurz vor dem Umzug haben sie ihre Sachen sortiert: Was kommt mit, was wird verschenkt, was kann weg? Am Ende hatten sie ihre Zimmer komplett durchorganisiert und sagten: Wir könnten morgen umziehen. Das war ein schöner Moment – und es hat den Umzug sehr erleichtert.
Gleichzeitig haben wir vor dem Einzug andere Bewohner:innen kennengelernt: erste Kontakte zu Familien, Treffen, Kaffee und Kuchen, Grillen. So ist das Netzwerk langsam gewachsen. Man zieht dann nicht in ein Haus voller fremder Menschen, sondern kennt schon Gesichter.
Gemeinschaftliches Wohnen klingt für viele schön – aber manche fragen sich auch: Wird mir das nicht zu viel? Wie erleben Sie das?
Bei uns gilt: Tür zu ist Tür zu. Das wird respektiert. Es gibt keine Pflichtanwesenheit, niemand wird gezwungen, in einem Arbeitskreis mitzuarbeiten. Diese Freiwilligkeit macht es angenehm.
Natürlich ist es viel. Aber für mich ist das auch ein Grund, warum ich hierhergezogen bin. Und gleichzeitig gibt Gemeinschaft auch Zeit zurück: wenn eine Nachbarin ein Kilo Nudeln mehr kocht, jemand beim Kindergeburtstag hilft, ins Bauhaus fährt oder donnerstags Brot vom Bäcker mitbringt. Da entsteht sehr viel Zugewinn.
Welche Rolle spielen Ihre Kinder im gemeinschaftlichen Alltag?
Die Kinder sind sehr involviert. Wir haben einen Kinder- und Jugendlichen-Kreis gegründet, der langfristig von den Kindern geleitet werden soll. Wir Erwachsenen sind eher als helfende Hände dabei.
Beim Kleinkinderspielplatz konnten die Kinder aus einer Vorauswahl ihre Favoriten aussuchen. Und bei Gartenaktionstagen machen sie einfach mit: Beete freiräumen, Schubkarren schieben, Steine sammeln. So sehen sie unmittelbar, was entsteht – und dass sie selbst etwas beitragen können.
Wo wird für Sie Gemeinschaft im Alltag besonders sichtbar?
Eigentlich in der Vielfalt – und darin, dass so viele involviert sind. Beim Muttertags-Café kamen ungefähr 150 Gäste. Unter normalen Umständen wäre man da schnell im Stress. Aber weil so viele mit angepackt haben, war es für jede:n ein leichter Job. Als ich später mit meinen Kindern zurückkam, war der Hof schon wieder komplett aufgeräumt. Das sind kleine Wunder.
Das Projekt ist noch nicht vollständig fertiggestellt. Wie ist es, an einem Ort zu wohnen, der noch im Entstehen ist?
Für uns ist das kein Problem. Unsere Wohnung ist fertig, der Flur ist fertig, der Garten ist nutzbar. Natürlich sieht man den Altbau und dass noch gearbeitet wird. Aber ich finde es eher spannend – fast schöner, als wenn schon alles fertig wäre.
Meine Kinder sehen alle paar Tage, wie sich etwas verändert: ein Gerüst, das wieder weg ist, eine Wand, die fertig wird, neue Bäume. Weil wir selbst mit anpacken, verbindet uns das stärker mit dem Ort. Irgendwann können wir sagen: Da haben wir mitgebaut, diesen Baum haben wir gepflanzt.
Was macht Ilbenstadt als Ort für Sie besonders?
Es ist schon speziell, allein durch die Einfahrt. Wir fahren durch den Torbogen ins Klostergelände, haben die Klostermauer um uns herum, laufen an der Basilika und am Altbau vorbei. Das ist sehr präsent.
Gleichzeitig sind die Neubauten sehr hochwertig. Wenn die Fenster zu sind, hört man nichts von der Straße hinter der Klostermauer. Besonders spannend finde ich das Zusammenspiel von Alt und Neu – etwa dort, wo alte Mauern sichtbar bleiben. Wenn der Gemeinschaftsraum im Altbau und der Stadtteiltreff fertig sind, wird das noch einmal stärker belebt.
Wie nehmen Sie wahr, dass das Projekt in Ilbenstadt ankommt?
Das ist alles noch im Entstehen. Aber durch den Garten gibt es schon viele Verbindungen zu Menschen, die nicht bei uns wohnen. Manche wären selbst gern eingezogen, andere engagieren sich einfach, weil sie den Garten schön finden.
Beim Muttertags-Café waren viele Ilbenstädter:innen da, auch Menschen, die den Neubau genau beobachten. Aber es gab viel Lob dafür, dass das Projekt umgesetzt wurde. Viele sind neugierig. Wenn man draußen ist, kommt man eigentlich immer ins Gespräch.
Wenn der Stadtteiltreff startet, kann da noch viel entstehen: Spieleabende, Lesungen, Musik, Bewegungsangebote. Ich glaube, das kann ein offener Begegnungsort werden.
Was wünschen Sie sich für die nächsten Monate und Jahre?
Erst einmal wünsche ich mir, dass alles gut zu Ende gebaut wird und die restlichen Bewohner:innen einziehen können. Dann wünsche ich mir, dass sich Projekt und Ort weiter verbinden – dass wir nicht nur hinter der Klostermauer wohnen, sondern Teil von Ilbenstadt werden.
Ich bin jetzt schon begeistert, wie wir miteinander wohnen und was wir gemeinsam tun. Wenn noch mehr Begegnungsräume entstehen, wird es noch bunter. Und ich würde anderen sagen: Haltet die Augen offen für solche Projekte. Man darf sich ruhig mutig darauf einlassen. Es lohnt sich.
Herr Reichhold, vielen Dank für das Gespräch!