Eine junge Familie zieht aus einer großen Erdgeschosswohnung mit Garten in eine kleinere Wohnung im Wohnprojekt Ilbenstadt. Warum sich das trotzdem nach Gewinn anfühlt, erzählt Kristina Skiba im Interview: über Bauchgefühl, geteilten Alltag, Kinder im Hof – und die Kunst, zwischen Lebendigkeit und Geborgenheit die Balance zu finden.
Der Weg zum gemeinschaftlichen Wohnen
Können Sie sich und Ihre Familie kurz vorstellen?
Wir wohnen hier zu viert: mein Mann, unsere beiden Kinder und ich. Unsere Kinder sind zwei und vier Jahre alt. Zum 1. April sind wir nach Ilbenstadt gezogen.
Vorher haben wir in Friedberg gewohnt, also ganz in der Nähe, etwa zehn Minuten entfernt. Wir waren ursprünglich aus Frankfurt weggezogen, weil wir mit Kindern gerne raus aus der Stadt wollten.
Wie sind Sie auf das Wohnprojekt Ilbenstadt aufmerksam geworden?
Wir interessieren uns schon lange für gemeinschaftliches Wohnen. Aber es wirkte immer weit weg: räumlich, organisatorisch und auch von unserer Lebensphase her. Mit zwei kleinen Kindern hatten wir nicht die Kraft, uns jahrelang in einen Annäherungsprozess zu begeben. Und in unserer alten Wohnung in Friedberg waren wir eigentlich glücklich: große Erdgeschosswohnung, riesiger Garten, direkt am Feld. Wir wollten uns gar nicht unbedingt verändern.
Und dann fand ich im Bioladen bei uns um die Ecke einen Flyer. Vorne stand: „Wir suchen junge Familien.“ Darunter das OEKOGENO-Logo und Informationen zum Wohnprojekt Ilbenstadt. Ich hatte diesen Flyer in der Hand und wusste eigentlich schon: Das ist genau das, wo ich hinwill.
Was war daran so besonders?
Dass gemeinschaftliches Wohnen plötzlich möglich wurde, ohne unser ganzes Leben umzustellen. Ilbenstadt liegt nur zehn Minuten von unserem damaligen Wohnort entfernt. Die Kinder konnten in ihrem Kindergarten bleiben, unsere Arbeitsorte blieben erreichbar, unser Umfeld blieb in der Nähe.
Dadurch fühlte sich das Projekt nicht wie ein kompletter Bruch an, sondern wie eine echte Möglichkeit.
Sie waren in Ihrer alten Wohnung eigentlich glücklich. Warum sind Sie trotzdem umgezogen?
Weil uns gemeinschaftliches Wohnen schon lange angezogen hat – nicht nur wegen praktischer Unterstützung, sondern wegen der Beziehungen, die dadurch entstehen.
Mit Menschen unterschiedlichen Alters, mit Menschen außerhalb der eigenen Familie und Freundeskreise, auch mit Menschen, an denen man wächst. Ich finde Gemeinschaft als persönliches Wachstumsfeld spannend: Man lernt über sich selbst, über andere, über Nähe und Distanz.
Und natürlich ging es auch um gegenseitige Unterstützung. Nicht als Pflicht, sondern als etwas, das gerne passiert. Oft sind das Win-win-Situationen: Eine Person braucht Hilfe, und die andere ist glücklich, helfen zu können.
Für und wider gemeinschaftliches Wohnen mit Kindern – die Entscheidung
Sie haben sich räumlich deutlich verkleinert. Wie war dieser Schritt für Sie?
Das war ein Prozess. In Friedberg hatten wir 135 Quadratmeter, einen großen Garten, Garage und Keller. Jetzt wohnen wir auf 83 Quadratmetern in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Für viele war das unverständlich. Einige haben gesagt: Wenn ihr mit zwei Kindern umzieht, müsst ihr euch doch vergrößern, nicht verkleinern.
Für uns war aber die Erdgeschosswohnung wichtiger als ein zusätzliches Zimmer. Mit kleinen Kindern macht es einen riesigen Unterschied, ob sie direkt raus können oder ob man erst Treppen, Taschen, Schuhe und alles andere organisieren muss.
Und man muss hier anders denken. Wir haben weniger private Wohnfläche, aber mehr geteilte Räume, mehr Außenraum und mehr Gemeinschaft. Vieles muss nicht mehr jede Familie allein besitzen. Es hat sich gut angefühlt, Dinge loszulassen – wie Ballast abwerfen.
Mit welchen Hoffnungen und Bedenken sind Sie in die Entscheidung gegangen?
Eine Sorge war, dass es in unserem vollen Alltag zu viel werden könnte: Arbeit, Kinder, Haushalt – und dann noch Gemeinschaft. Wir hatten auch Sorge, dass zu viel Unruhe in die Familie kommt.
Dazu kamen praktische Fragen: Wie lange können sich die Kinder ein Zimmer teilen? Wird später eine größere Wohnung frei, wenn wir sie brauchen? Und finanziell war es natürlich auch eine größere Herausforderung.
Aber mein Bauchgefühl hat immer gesagt: Das ist die richtige Entscheidung.
Was hat Ihnen geholfen, aus Interesse eine Entscheidung zu machen?
Joerg Weber hat uns sehr offen empfangen, uns das Projekt gezeigt und zu einem Bewohnertreffen und Gartentag eingeladen. Dort kamen wir mit den ersten Menschen ins Gespräch.
Man hat schnell gespürt: Das sind sehr unterschiedliche Menschen, aber sie teilen die Lust auf Offenheit, Unterstützung und ein bewussteres Miteinander. Nicht nur eine nette Nachbarschaft, in der man sich über die Straße hinweg grüßt, sondern ein engeres Zusammenleben.
Auch im Entscheidungsprozess wurde uns viel Geduld entgegengebracht. Mein Mann brauchte länger, um sich sicher zu fühlen. Diese Offenheit und das Verständnis dafür, was so eine Entscheidung für eine junge Familie bedeutet, haben sehr geholfen.
Gemeinschaftliches Wohnen mit Kinder – im Alltag
Gab es Momente, in denen Sie gemerkt haben: Wir sind wirklich angekommen?
Ja, immer wieder. Bei Bewohnertreffen spüre ich manchmal noch die Aufregung aus der Entscheidungsphase – und dann sitze ich dort und denke: Es ist wirklich geschehen. Wir wohnen hier.
Besonders stark ist es im Garten. Wir haben hier eine solidarische Landwirtschaft, und wenn wir abends ernten gehen, fühlt sich das manchmal fast paradiesisch an. Unsere vierjährige Tochter läuft mit ihrem Körbchen los, zieht Mairübchen aus der Erde oder schneidet Salat ab. Für sie ist das jetzt einfach Realität.
Ich habe oft das Gefühl, dass ich mein Glück kaum fassen kann – dass wir uns diese Art von Leben gönnen.
Wo erleben Sie Gemeinschaft im Alltag ganz konkret?
Oft in Kleinigkeiten. Am ersten Morgen nach dem Einzug war hier Chaos, und die Kaffeemaschine war nicht zu finden. Ich schrieb in die Gruppe, ob mir jemand einen Kaffee bringen kann. Eine Minute später hatten drei Leute geantwortet, fünf Minuten später klingelte es. Damit fängt es irgendwie an.
Ein größerer Moment war ein Konzertabend. Unsere üblichen Betreuungspersonen konnten nicht, also fragte ich eine Bewohnerin, die schon einmal erzählt hatte, dass sie gerne Kontakt zu kleinen Kindern hätte. Sie sagte sofort zu, kam vorher mehrmals vorbei, lernte die Kinder kennen und brachte sie an dem Abend ins Bett.
Das war für uns ein Meilenstein. Es fühlt sich anders an, wenn jemand nicht kommt, weil man sie bezahlt, sondern weil sie wirklich Lust hat, Zeit mit den Kindern zu verbringen.
Ich fühle mich hier viel mehr gesehen – gerade als junge Familie, die im Alltag mit zwei kleinen Kindern oft herausgefordert ist.
Was verändert sich für Sie als junge Familie, wenn so viele Menschen im Alltag mitdenken?
Ich bin nicht mehr die einzige Person, die meinem Kind den Fahrradhelm zumacht. Das klingt klein, aber es entlastet unglaublich. Die Kinder fragen mittlerweile auch andere Erwachsene um Hilfe oder sind plötzlich mit Nachbarinnen am Pflanzen.
Neulich wollten wir eigentlich zum Kinderturnen. Das ist bei uns oft stressig: Schuhe anziehen, Rucksack packen, rechtzeitig loskommen. Als ich mit dem Rucksack in den Hof kam, waren die Kinder mit einer Nachbarin im Garten, um Erde zu holen und zu pflanzen.
Erst war ich irritiert. Dann dachte ich: Nein, du entspannst dich jetzt. Ich setzte mich hin, jemand kochte Kaffee, jemand brachte Kuchen, und es wurde ein wunderschöner Nachmittag.
Ich habe das Gefühl, wir brauchen gar kein Programm mehr. Vieles entsteht von selbst.
Blick auf gemeinschaftliches Wohnen mit Kinder
Wie lief der Einzug – und was war herausfordernd?
Der Umzug war kräftezehrend. Kisten packen neben Beruf, Alltag und kleinen Kindern ist viel. Mein Mann war oft schon in der neuen Wohnung und hat die Küche gebaut, ich war in der alten Wohnung und habe gepackt.
Gleichzeitig hat mich beschäftigt, was dieser Umbruch mit den Kindern macht. Ich hatte Hemmungen, ihnen zu früh den vertrauten Status quo wegzunehmen.
Was sehr geholfen hat, war der Kontakt zur Gemeinschaft. Wenn Zweifel kamen, tat es gut, mit Menschen zu sprechen, die schon fest dabei waren oder bereits dort wohnten. Auch praktisch kam Unterstützung: Am Umzugstag haben mehrere Menschen aus dem Projekt mit angepackt. Ohne diese Hilfe wäre es viel schwerer gewesen.
Sie bringen sich im Arbeitskreis Gemeinschaft ein. Wie erleben Sie dieses Engagement neben Familie und Beruf?
Es ist schon viel, aber im positiven Sinne. Ich bin im Arbeitskreis Gemeinschaft, da geht es um Gemeinschaftsbildung, DasZusammenleben, Konfliktbearbeitung und gemeinsame Formate. Außerdem bin ich in einem Koordinationskreis, in dem Themen aus den Arbeitskreisen zusammenlaufen.
Dieses Engagement gibt mir eher Energie. Das Leben hier fühlt sich viel lebendiger an als in unserer separaten Wohnung als Kernfamilie: freudvoller, spontaner, bunter.
Ich verbringe abends kaum noch Zeit vor dem Bildschirm. Früher habe ich gern mal eine Serie geschaut. Jetzt ist dafür eigentlich keine Lust und keine Zeit. Das Leben ist hier zu lebendig.
Was war schwieriger, als Sie vorher gedacht hätten?
Die Balance zu finden. Zwischen Familienleben, Geborgenheit und Nähe auf der einen Seite – und diesem lebendigen In-Beziehung-Gehen auf der anderen.
Am Anfang ist alles aufregend. Manchmal merke ich, dass die Kinder überreizt sind, wenn sie abends zu lange draußen gespielt haben. Eigentlich müsste man dann um 18 Uhr reingehen, Türen zu, zur Ruhe kommen.
In Friedberg haben wir viel Zeit auf dem Sofa verbracht und vorgelesen. Das ist hier weniger geworden. Einerseits ist es entlastend und schön, gerade jetzt im Sommer, weil die Kinder viel draußen sind. Andererseits müssen wir als Familie unseren Rhythmus neu finden.
Ich glaube, das ist ein Lernfeld: Wie viel Expansion, wie viel Rückzug? Wie viel Gemeinschaft, wie viel Familie?
Was würden Sie Menschen raten, die überlegen, ob gemeinschaftliches Wohnen etwas für sie ist?
Ausprobieren – und dann genießen.
Frau Skiba, vielen Dank für das Gespräch!
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