Eine Genossenschaft funktioniert nur, wenn viele mitmachen. Wenn Menschen sich einbringen, Entscheidungen treffen und den Alltag organisieren.Doch wer übernimmt diese Verantwortung eigentlich? Wer trifft Entscheidungen – und wer sorgt dafür, dass alles läuft? Ein Blick auf die Rolle von Frauen in Genossenschaften zeigt schnell: Beteiligung ist das eine. Gestaltungsmacht das andere.
Frauen in Genossenschaften – kurz zusammengefasst
- Genossenschaften sind demokratisch organisiert: Jedes Mitglied hat eine Stimme, unabhängig von der Höhe der Einlage.
- Historisch waren Frauen von politischer und wirtschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen (z. B. kein Wahlrecht bis 1918, eingeschränkte rechtliche Selbstständigkeit bis 1958).
- Heute engagieren sich Frauen stark in Genossenschaften, insbesondere im sozialen und gemeinschaftlichen Bereich.
- Gleichzeitig sind sie in Führungs- und Entscheidungsebenen oft weniger vertreten.
- Faktoren wie Care-Arbeit, Einkommensunterschiede und Vermögensverteilung beeinflussen, wie Beteiligung tatsächlich möglich ist.
Das bedeutet: Beteiligung ist möglich – gleich verteilte Gestaltungsmacht entsteht nicht automatisch.
Historische Entwicklung von Frauen in Genossenschaften
Genossenschaften entstanden in einer Zeit großer sozialer Not. Viele Menschen hatten keinen Zugang zu Krediten, lebten in unsicheren Wohnverhältnissen und waren wirtschaftlich stark abhängig. Sich gemeinsam zu organisieren, war für viele die einzige Möglichkeit, die eigene Situation zu verbessern.
Mitgeprägt wurde diese Bewegung unter anderem von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch. Ihre Idee: Menschen schließen sich zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen und unabhängig von einzelnen Geldgebern zu werden.
Was heute selbstverständlich klingt – Mitbestimmung und gemeinschaftliches Eigentum – war damals ein echter Fortschritt.
Für Frauen galt dieser Fortschritt jedoch nur eingeschränkt. Sie hatten bis 1918 kein Wahlrecht. Und auch rechtlich waren sie lange nicht eigenständig: Verheiratete Frauen standen bis zur Reform des Ehe- und Familienrechts 1958 in vielen Bereichen unter der Vormundschaft ihres Ehemannes.
Genossenschaften waren also von Anfang an zwar demokratisch gedacht, entstanden aber in einer Gesellschaft, in der Gleichberechtigung noch nicht verwirklicht war.
Frauen in Genossenschaften: Viel Engagement, ungleicher Einfluss
Heute engagieren sich Frauen selbstverständlich in Genossenschaften, insbesondere in Wohnungsgenossenschaften und gemeinschaftlichen Projekten. Gerade in Wohnprojekten sind sie oft stark vertreten, bringen sich ein, gestalten Gemeinschaft und organisieren Alltag.
In vielen Genossenschaften ist das Geschlechterverhältnis unter den Mitgliedern inzwischen annähernd ausgeglichen. Bei der OEKOGENO zeigt sich (noch) ein anderes Bild: Der Anteil weiblicher Mitglieder liegt aktuell bei rund einem Drittel.
Gleichzeitig zeigt sich, unabhängig von der konkreten Verteilung, ein wiederkehrendes Muster:
Je höher die formale Entscheidungsebene, desto seltener sind Frauen vertreten.
Das ist kein spezielles Genossenschaftsproblem. Es spiegelt gesellschaftliche Strukturen wider, die bis heute wirken.
→ Alltag in Genossenschaften: Wer trägt die Verantwortung?
Ein Blick auf den (Arbeits-)Alltag hilft, das besser zu verstehen: Wer organisiert Abläufe?
Wer beantwortet Fragen von Mitgliedern? Wer sorgt dafür, dass Informationen ankommen, Entscheidungen vorbereitet sind, Veranstaltungen funktionieren?
Solche Aufgaben tauchen selten in Organigrammen ganz oben auf. Ohne sie würde jedoch keine Genossenschaft funktionieren.
Gleichzeitig sind es genau diese Bereiche, in denen Frauen häufig stark vertreten sind – auch über Genossenschaften hinaus.
Das hat Gründe: Das hat Gründe: Studien wie der Freiwilligensurvey des BMFSFJ (1) zeigen, dass Frauen sich häufiger im sozialen Bereich engagieren. Zudem übernehmen sie, wie das statistische Bundesamt herausgearbeitet hat, nach wie vor mehr Care-Arbeit (2)und haben im Durchschnitt weniger finanzielle Spielräume (3).
All das wirkt sich darauf aus, wo und wie Beteiligung möglich ist.
Was das für Genossenschaften bedeutet
Genossenschaften haben gute Voraussetzungen, um Beteiligung breiter zu ermöglichen.
Man braucht kein großes Vermögen, um Mitglied zu werden, und Mitbestimmung hängt nicht von der Höhe der Einlage ab. Jede Stimme zählt gleich viel.
Genau darin liegt ihre Stärke: Genossenschaften ermöglichen einen vergleichsweise niedrigschwelligen Zugang zu wirtschaftlicher Beteiligung. Diese Struktur löst jedoch nicht automatisch alle Unterschiede.
Ob Beteiligung tatsächlich gleich verteilt ist, hängt davon ab, wie eine Organisation arbeitet: Wer wird gehört? Wer übernimmt Verantwortung? Wer hat Zugang zu Entscheidungen? Welche Arbeit wird gesehen – und welche läuft im Hintergrund?
Ein Blick auf die OEKOGENO
Auch bei der OEKOGENO zeigt sich, wie sich die Rolle von Frauen in Genossenschaften konkret im Alltag widerspiegelt.. Unsere Projekte entstehen im Tun:
- wenn Mitglieder beraten werden
- wenn Veranstaltungen vorbereitet werden
- wenn Abstimmungen im Team stattfinden
- wenn Entscheidungen Schritt für Schritt vorbereitet werden
Diese Aufgaben stehen selten auf der großen Bühne. Sie werden in kleinteiliger Arbeit Schritt für Schritt erledigt und sind oft gerade deshalb entscheidend.
Unsere neue Serie: „Frauen bei der OEKOGENO“
Schaut man hier genauer hin, stellt sich schnell die Frage, wer diese Arbeiten denn eigentlich übernimmt.
Genau hier setz en wir an: In unserer neuen Serien stellen wir Frauen aus unterschiedlichen Bereichen der OEKOGENO. Im Mittelpunkt steht ihr Arbeitsalltag und die Frage, wie sie Genossenschaft möglich machen.
Genossenschaften leben davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen.
Damit das funktioniert, reicht es nicht, Beteiligung nur formal zu ermöglichen. Es kommt darauf an, wie sie im Alltag gestaltet wird.
Wer genauer hinschaut, erkennt: Vieles, was Genossenschaft trägt, passiert im Hintergrund.
Genau dort wollen wir ansetzen – und in den kommenden Beiträgen sichtbar machen, wie diese Arbeit konkret aussieht.
Dieser Beitrag beleuchtet die Rolle von Frauen in Genossenschaften aus historischer und aktueller Perspektive.
1 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Freiwilligensurvey 2019 (Hauptstudie): https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/freiwilliges-engagement-in-deutschland-163556
2 Statistisches Bundesamt – Zeitverwendungserhebung:
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/_inhalt.html
3 Statistisches Bundesamt – Gender Pay Gap: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Verdienste/Gender-Pay-Gap/_inhalt.html
Bild: KI-generierte Darstellung; die farbliche Hervorhebung verweist auf die Rolle von Frauen in historisch männlich geprägten Entscheidungsstrukturen