Inklusion entsteht nicht durch Sonderlösungen, sondern durch gemeinsames Gestalten

Jan. 21, 2026

Im Gespräch mit Simon Stott über inklusives Wohnen und das Inklusionskonzept der OEKOGENO

Deutschland hat sich früh verpflichtet, Inklusion umzusetzen. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention gilt seit 2009 das Versprechen, Menschen mit Behinderung eine gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen zu ermöglichen – ausdrücklich auch beim Wohnen. Auch die Europäische Union hat Inklusion klar als Ziel formuliert. Doch zwischen politischen Bekenntnissen und gelebter Realität besteht weiterhin eine deutliche Lücke.

Gerade im Wohnbereich zeigt sich, wie anspruchsvoll Inklusion in der Praxis ist. Bezahlbarer Wohnraum, verlässliche Assistenz und tragfähige Strukturen sind zentrale Voraussetzungen – und vielerorts noch immer nicht selbstverständlich.

Im Interview spricht Simon Stott, Inklusionsbeauftragter der OEKOGENO, darüber, was Inklusion für ihn bedeutet, wie sie in unseren Wohnprojekten konkret umgesetzt wird – und welche strukturellen Rahmenbedingungen inklusives Wohnen bis heute erschweren.

Zur Person

Simon Stott hat Betriebswirtschaftslehre Alanus Hochschule studiert sowie seinen Master in Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung an der Cusanus Hochschule absolviert und ist seit 2020 Teil der OEKOGENO. Als Inklusionsbeauftragter ist er dafür verantwortlich, in den Wohnprojekten Strukturen zu entwickeln, die ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung ermöglichen

„Inklusion“ ist eine wichtige Leitplanke bei der Planung und Umsetzung unserer Wohnprojekte – kannst du uns erklären, was damit konkret gemeint ist?

Wenn wir bei der OEKOGENO von Inklusion sprechen, ist mir vor allem eines wichtig: dass der Begriff nicht verwässert wird oder am Ende alles und nichts meint. Inklusion ist für mich kein persönliches Empfinden, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Und dafür brauchen wir ein gemeinsames Verständnis.

Im Kern geht es um Selbstbestimmung, um gesellschaftliche Teilhabe und um soziale Vernetzung. Wenn wir über Inklusion reden, schauen wir deshalb auch auf die Realität: Rund zehn Prozent der Menschen in unserer Gesellschaft leben mit einer Behinderung. Diese Realität sollte sich auch in unseren Wohnprojekten widerspiegeln.

Ganz konkret heißt das für uns: Wir integrieren Menschen mit Behinderung und Menschen mit psychischen Erkrankungen, die auf Grundsicherung angewiesen sind, bewusst in unsere Wohnprojekte. Dazu gehören auch Menschen, die gesetzlich als nicht arbeitsfähig gelten und deshalb nicht am ersten Arbeitsmarkt teilnehmen dürfen. Unser Ziel ist dabei nicht nur, Wohnraum bereitzustellen, sondern diese Menschen wirklich in eine soziale Gemeinschaft einzubinden.

Barrieren abbauen – Teilhabe ermöglichen

Wann ist ein Wohnprojekt aus deiner Sicht wirklich inklusiv – und wann nur gut gemeint?

Die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung sind genauso unterschiedlich wie die von Menschen ohne Behinderung. Trotzdem ist ihr Zugang zu sozialer Vernetzung und gesellschaftlicher Teilhabe oft eingeschränkt. Das liegt zum Beispiel an Sprachbarrieren, an sozialer Isolation oder an staatlichen Strukturen, die zwar günstig erscheinen, Teilhabe aber faktisch verhindern.

Wir setzen deshalb bewusst auf selbstorganisierte, inklusive Hausgemeinschaften. Dort gibt es Arbeitsgruppen, an denen Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen beteiligt sind. Diese gemeinsame, selbstverantwortliche Gestaltung des Zusammenlebens ist aus meiner Sicht die Grundlage für echte soziale Vernetzung.

Unsere Aufgabe ist es dabei, Barrieren abzubauen – sprachlich, baulich und sozial. Nur dann können Menschen mit Behinderung gleichberechtigt am Gemeinschaftsleben teilnehmen. Inklusion entsteht nicht durch Sonderlösungen, sondern durch gemeinsames Gestalten des Alltags.

Inklusion im Alltag verankern

Bei der OEKOGENO sprechen wir von einem verbindlichen Inklusionsstandard. Was heißt das?

Unser Anspruch ist, dass Menschen mit Behinderung selbstverständlich an bestehenden sozialen Strukturen teilhaben können. Damit das nicht vom Zufall abhängt, haben wir bei der OEKOGENO einen verbindlichen Inklusionsstandard entwickelt.

Ein zentraler Teil davon ist die Rolle der*des Inklusionsbeauftragten, die ich übernommen habe. Ich bin Ansprechperson für inklusive Konzepte und kümmere mich darum, dass die Rahmenbedingungen für inklusives Wohnen stimmen. Dazu gehört vor allem die Zusammenarbeit mit Sozialpartnern, etwa im Bereich der Assistenzleistungen, und mit Behörden wie den Sozialämtern.

Wir schließen Kooperationsverträge mit Assistenzdienstleistern oder Betroffeneninitiativen und sichern Belegungsrechte für Wohnungen. Die Rolle des Inklusionsbeauftragten versteht sich dabei als Schnittstelle zwischen Assistenzdiensten, Betroffeneninitiativen, Sozialämtern und der Genossenschaft. Unsere Rolle ist es, zu vermitteln, Impulse zu geben und Strukturen aufzubauen, die langfristig tragen.

Gleichzeitig ist uns wichtig, dass Inklusion in jedem Wohnprojekt konkret gelebt werden kann. Deshalb verbinden wir klare Standards mit Offenheit für regionale und projektbezogene Besonderheiten.

Was heißt das konkret?

Damit Inklusion im Alltag tatsächlich stattfindet, achten wir bei Planung und Umsetzung vor allem auf ein paar grundlegende Punkte:

  • einen hohen Standard an Barrierefreiheit, der über die Anforderungen der DIN 18040 hinausgeht,
  • quersubventionierten oder geförderten Wohnraum für Menschen in Grundsicherung und für Menschen mit Behinderung,
  • strukturelle Teilhabe durch Mitgliedschaft und Mitspracherechte innerhalb der Genossenschaft,
  • und die Sensibilisierung der Hausgemeinschaft für Barrierefreiheit im Alltag – etwa in Sprache, Kommunikation und im gegenseitigen Umgang.

Hürden für inklusives Wohnen

Welche strukturellen Rahmenbedingungen erschweren inklusive Wohnprojekte derzeit am stärksten?

Die größten Hürden liegen aktuell in den politischen und strukturellen Rahmenbedingungen. Besonders sichtbar wird das beim bezahlbaren Wohnraum. Die Mietobergrenzen, die Städte und Kommunen für Menschen in Sozialleistungen festlegen, liegen oft deutlich unter den tatsächlichen Baukosten. Das macht inklusive Wohnprojekte extrem schwer umsetzbar.

In unseren Projekten versuchen wir, diese Lücke durch Quersubventionierungen zu schließen. Aber angesichts stark gestiegener Bau-, Energie- und Finanzierungskosten stößt dieses Modell an seine Grenzen. Ohne politische Korrekturen droht Inklusion zur Ausnahme zu werden, statt selbstverständlich zu sein.

Dazu kommt die angespannte Situation bei den Assistenzleistungen. Die unzureichende Finanzierung führt zu niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen. Assistenzdienstleister finden immer schwerer Personal. Das setzt den sozialen Bereich insgesamt unter Druck – mit direkten Folgen für Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung.

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Gestaltungsmacht verpflichtet

Welche besondere Verantwortung tragen Genossenschaften wie die OEKOGENO, wenn es um inklusives Wohnen geht?

Genossenschaften haben im Wohnbereich reale Gestaltungsmacht. Damit geht aus meiner Sicht auch eine besondere Verantwortung einher, Wohnprojekte bewusst inklusiv zu denken und umzusetzen. Diese Verantwortung beginnt nicht erst bei gesetzlichen Mindeststandards, sondern dort, wo Wohnen als sozialer Raum verstanden wird, der Teilhabe ermöglichen soll.

Inklusion als Haltung

Was müsste sich aus deiner Perspektive im gesellschaftlichen Denken über Inklusion grundlegend ändern?

Inklusion ist für mich keine Strategie, um bestimmte Gruppen in bestehende Strukturen einzupassen. Sie beschreibt vielmehr eine Haltung zum Zusammenleben. Eine Haltung, die davon ausgeht, dass wir alle unterschiedlich sind – und dass Vielfalt etwas Grundsätzliches ist.

Egal, ob mit oder ohne Behinderung: Wir alle haben ähnliche Bedürfnisse. Wir wollen gesehen werden, Anerkennung erfahren und in Beziehung mit anderen stehen. Menschliches Leben darf dabei nicht auf seinen Nutzen oder seinen gesellschaftlichen Beitrag reduziert werden.

Gesellschaft ist kein festes System, sondern entsteht immer wieder neu – in konkreten Begegnungen. Verantwortung entsteht dort, wo wir einander zuhören. Eine inklusive Gesellschaft bedeutet für mich genau das: Dem Anderen zuhören, sich aufeinander einlassen und in echte Begegnung zu gehen. Und darin liegt auch die Chance, durch das Miteinander lernen und zuhören Gesellschaft zu gestaltet und dem Mensch sein gerechter zu werden.

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