Eine Wohngenossenschaft entsteht – nicht erst beim Einzug

Aug. 29, 2025

Ein Blick auf die Voreinzugsphase

Ein Samstagvormittag in Ilbenstadt: Zwischen Baugerüsten und Solawi-Gärten sitzen zukünftige Nachbar:innen zusammen, diskutieren über die beste Nutzung der Gemeinschaftsküche, während Kinder über das Gelände laufen. Noch steht kein einziger Umzugskarton bereit – und doch wächst hier bereits ein Stück Gemeinschaft heran, aus der sich die Wohngenossenschaft entwickelt.

Bevor ein genossenschaftliches Wohnprojekt bezugsfertig ist, ist bereits eine ganze Menge passiert. Noch bevor der erste Spatenstich getan ist, beginnt die sogenannte Voreinzugsphase: eine wichtige Phase der Gruppenfindung und Mitgestaltung, die den Grundstein legt für eine funktionierende Hausgemeinschaft.

Von der Reservierung zur Gemeinschaft

Die Voreinzugsphase beginnt meist parallel zur Vertriebsphase. In dieser Zeit führt das Team Wohnen die Reservierungsgespräche mit Interessierten. Hier geht es nicht nur darum, Wohnungen zu vergeben, sondern gezielt Menschen zu finden, die sich ein engagiertes Leben in einer Genossenschaft mit allen Vorzügen und Pflichten vorstellen können. Sobald eine erste Gruppe an zukünftigen Bewohner:innen steht, beginnt die eigentliche Gruppenbildungsarbeit. Aus Fremden wird so eine Gemeinschaft – indem sie das zukünftige Miteinander aktiv mitgestalten und so schon vor dem Einzug eine Hausgemeinschaft formen.

Formate, die verbinden

Damit aus Fremden Nachbar:innen werden, setzt die OEKOGENO auf eine Vielzahl erprobter Formate.

  • Das Team Wohnen der OEKOGENO ist erfahren darin, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Unsere Mitarbeiter:innen verfügen über einen prall gefüllten Methodenkoffer, um das Eis zu brechen und das erste Kennenlernen wildfremder Menschen zu erleichtern – wie zum Beispiel bei der WIN in Nürtingen, wo die Frage „Was darf in Ihrem Kühlschrank nie fehlen?“ schon so manchen Lacher und Aha-Momente ausgelöst hat.
  • Was im Kennenlernentreffen angelegt wurde, wird in regelmäßigen Bewohner:innentreffen vertieft und ausgebaut. Hier kann das bereits entstandene Miteinander vertieft, neue Gesichter in die wachsende Gemeinschaft integriert werden. In der SWH in Ilbenstadt geschieht das gerne auch mal im Klostergarten, den die Gruppe gemeinsam mit dem Verein  Kultur im Klostergarten Ilbenstadt e.V. bewirtschaftet.
  • Das Team Wohnen organisiert von Anfang an Workshops, um gemeinsam mit den zukünftigen Bewohner:innen die Grundlagen für ein nachhaltiges Miteinander zu erarbeiten. Frühzeitig werden Arbeitsgruppen gebildet, etwa zu Nachbarschaftshilfe oder gemeinschaftlichen Aktivitäten. Joerg Weber, Regionalleiter OEKOGENO Frankfurt und zukünftiger Bewohner der SWH, bringt es auf den Punkt: „Wir haben hier vor Einzug schon einige Arbeitsgruppen für die unterschiedlichsten Dinge, in denen die Bewohner:innen ständig miteinander zu tun haben. Das fördert das Gemeinschaftliche, das wir uns für die fertigen Wohngemeinschaften wünschen. In Ilbenstadt jedenfalls ist das bereits jetzt gegeben.“  Diese Arbeitsgruppen sind wichtig, damit die Wohngemeinschaft sich später eigenständig organisieren kann, wie OEKOGENO-Mitarbeiter Simon Stott berichtet: „Bei der Erstbesetzung der Wohnungen lag die Verantwortung bei uns. Danach übergeben wir sie an die dort Wohnenden, zum Beispiel in der „AG Neue‘.“
  • Mit Beginn der Bauphase rückt der Ort selbst in den Fokus. Bei regelmäßig stattfindenden Baustellenrundgängen erhalten sowohl die Gruppe als auch neu Interessierte Einblick in den Baufortschritt.

Feste, die verbinden

Neben Workshops und anderen Treffen spielen auch gemeinsame Feiern eine wichtige Rolle. Ob Richtfest, Einweihungsfeier oder Quartiersfest – solche Anlässe sind mehr als symbolische Meilensteine. Sie bieten Gelegenheit, Erfolge zu feiern, neue Nachbar:innen willkommen zu heißen und Gemeinschaft sichtbar zu machen. Auch das trägt zu einem Gefühl von Zusammenhalt bei, das weit über den Bau hinausreicht.

Ein Beispiel ist das Richtfest in Ilbenstadt im April 2024. Dort brachten es Maren und Jan auf den Punkt, die mit ihren Kindern hier einziehen werden: „Wir wünschen uns das schon sehr lange, dass wir gemeinsam mit anderen Familien und anderen Menschen zusammenwohnen und uns gemeinsam unterstützen, gemeinsam leben und gemeinsam feiern.“

Foto einer vierköpfigen Familie, Wohngenossenschaft

Von Expert:innen begleitet

Die Veranstaltungen in der Voreinzugsphase werden initial eng durch das Team Wohnen der OEKOGENO begleitet und angeleitet. Je nach Baustatus und Fortschritt im Gruppenbildungsprozess kommen weitere Expert:innen hinzu – etwa Architekturbüros, Landschaftsplaner:innen oder sozialen Trägerschaften. Ein Beispiel dafür sind die Planungsworkshops beim Wohnprojekt Kleineschholz, bei denen die Gestaltung von Gemeinschaftsräumen mit den zukünftigen Bewohner:innen diskutiert wird. Projektleiterin Bérengère Giraudat betont: „Es ist großartig zu erleben, wie engagiert sich die zukünftigen Bewohner:innen schon jetzt bei der Gestaltung ihres Hauses einbringen – genau das macht unser MITeinander-Haus zu etwas Besonderem.“

Warum das alles?

Die Voreinzugsphase ist weit mehr als ein soziales Warm-up. Hier entstehen Vertrauen, Verbindlichkeit und erste Freundschaften. Gleichzeitig werden Entscheidungsprozesse erarbeitet und erste Strukturen vorbereitet, die das gemeinsame Leben tragen sollen. Vor allem aber entsteht ein Gefühl: Wir ziehen nicht nur in eine Wohnung ein, wir bauen uns ein Zuhause –  und das lange bevor die erste Umzugskiste gepackt wird.

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